10. April 2019

Die 10 Jahre Challenge - wie sehr haben sich Websites verändert?

Websites vor 10 Jahren und heute

Wie stark haben sich führende Websites in den letzten zehn Jahren verändert? Gibt es Trends, Muster sonstige Erkenntnisse, die es zu berücksichtigen gilt?

Gunter Dueck hat in seinem Buch Schwarmdumm die eindrucksvolle Idee von Olivia Mitchell aufgegriffen, wonach es einen großen Unterschied macht, ob eine Präsentation genial einfach oder nur dumm einfach ist. Mitchell hat ihre Gedanken dazu in eine mittlerweile berühmte Grafik gegossen, die sehr schön den harten Weg zur genial einfachen Lösung verdeutlicht. Sie sagt dazu:  “What we mean by ‘simple’ is finding the core of the idea. ‘Finding the core’ means stripping an idea down to its most critical essence.”

Nun hatten die großen Unternehmen 10 Jahre Zeit, ihre Darstellung im Web zu verbessern. Was hat sich seit 2009 getan? Welchen Einfluss hatten die Flut an Userdaten, technologische Sprünge und Verhaltensänderungen bei den Nutzern. Ein Blick auf die Starseiten viel besuchter Websites und bekannter Marken sorgt für verblüffende Ergebnisse:

Vorher/Nachher

Facebook

Optisch hat sich wenig getan, wenngleich die Karte drei Nutzenerläuterungen weichen musste. Insgesamt wirkt es etwas „luftiger“. Datenschutz/DSGVO Hinweis ist jetzt über/ also vor dem Registrierungs-Button.

 

Vorher/Nachher

Youtube

Deutliche Abkehr vom ursprünglichen Google Look, z. B. Wegfall der blauen Links und der Bewertungssterne. Fokus liegt jetzt mehr auf vermeintlich interessanten Videos für den Besucher. Man sieht weniger allgemeine Trends/Charts. Personalisierung des Angebotes ist zur Selbstverständlichkeit geworden. 

Vorher/Nachher

twitter

Nostalgie adé. Erklärungen sind kaum noch erforderlich. Extrem cleaner, abgemagerter Look

Vorher/Nachher

amazon

Deutlich weniger Text. Jetzt haben Bilder Orientierungsarbeit übernommen. Eigene Produkte, die es vor 10 Jahren noch nicht gab, werden jetzt deutlich hervorgehoben. Der Suchschlitz ist jetzt viel präsenter, was für einen deutlich verbesserten Such-Algorithmus spricht.

Vorher/Nachher

Deutsche Bahn

Hier sieht man sehr schön die komplette Abkehr von extremer Spaltigkeit hin zu horizontalen Aufteilungen. Der primäre Use-Case ist ganz offensichtlich die Suche nach Zu-Verbindungen und Buchungen, weshalb diese Anwendung jetzt auch entsprechend prominent im Viewport ist.

Vorher/Nachher

OTTO

Die wilden Zeiten sind vorbei. Man ist deutlich weniger weniger bunt und weniger wirr, nutzt die komplette Breite aus und setzt auf horizontale Bereiche statt auf mehrere Spalten. Wie bei amzon auch, übernehmen Bilder die Navigationsarbeit und binden das Auge des Betrachters mit ihrem Storytelling.  Auch Otto hat in seine Suchfunktion deutlich investiert und gibt dem Case mehr Raum.

Vorher/Nachher

Telekom

Vor 10 Jahren war die Seite der Telekom schon richtig alt. Viel zu viel Text, kein Selling/CTA. Es gab noch keine echten digitalen (Verkaufs-)Prozesse. Die Kundschaft ging wohl noch den in T-Punkt/Store. Auffällig auch: damals wurden Businesskunden und Consumer noch gleichwertig behandelt.

Vorher/Nachher

Spiegel

Newsportale waren und sind kompliziert in der Gestaltung. Zu viele Informationen aus zu vielen Bereichen kämpfen um viel zu wenig Platz. Erstaunlich, dass dennoch so viel Raum für Werbung geschaffen werden konnte.

Vorher/Nachher

Zalando

Erstaunlich, wie radikal man eine Navigation entschlacken kann. Auch hier haben große Imagemotive die Regie übernommen. Ein großer Unterschied zu Otto und amazon fällt auf: Wo ist der Suchschlitz?! Und: Wo sind die ganzen Schuhe hin? Die Entwicklung vom Schuhhändler zu einem umfassenden Kleidungs-Shop ist längst vollzogen.

Vorher/Nachher

HolidayCheck

Was soll man sagen? Vom wildem Chaos zu primären use case: Der Suche von Flug/Hotel. Nicht mehr ... aber alles andere deutlich weniger.

Vorher/Nachher

Check24

Die Seite von 2009 wirkt noch heute verhältnismäßig aufgeräumt und zeitgemäß. Respekt! Erstaunlich: in 2019 kommt man auf der Startseite ohne Bilder aus!

Zusammenfassung:

  • User werden heute Klick-für-Klich zum Ziel geführt und nicht mehr sich selbst überlassen.
  • Da die Sucherergebnisse hinter Suchschlitzen deutlich besser sind, können Navigationen entschlackt werden.
  • Die Websites waren vor 10 jahren noch deutlich textlastiger und kleinteiliger; es gab nur wenig white space, stattdessen viele Informationen auf kleinem Raum.
  • Die Aufteilung in Spalten ist überholt. Heute überwiegen geräumige, horizontale Bereiche (bei dreizunull "belts"). Hauptursache: mobile first/responsive Ausrichtung.
  • Großformatige Bilder haben das Storytelling übernommen. Eindeutige Bilder eignen sich daher besser, um Informationen zu kommunizieren und die Webseiten gleichzeitig übersichtlicher zu gestalten. Dadurch können User intuitiv auf den Webseiten navigieren und werden nicht mehr von einer Vielzahl an Elementen abgelenkt.
  • Formen und Farben wurden ebenfalls reduziert. Das macht die Webseiten schlichter, aufgeräumter und übersichtlicher.
  • Effekte wie Schatten und Verläufe gelten heutzutage als nicht mehr modern. Früher kamen häufiger Serifenschriften zum Einsatz.

Jetzt die große Frage:

Wer folgt hier wem? Reagieren Entwickler auf verändertes Nutzerverhalten oder folgen die Nutzer einfach nur den Erleichterungen, die ihnen die UX-Designer bieten? Lesen die Menschen weniger und müssen die Oberflächen deshalb immer weiter vereinfacht werden oder lesen die Menschen immer weniger, weil die Simplifizierung mit Icons und Bildern ihnen das Lesen und damit das Denken abgewöhnen?  Nun, die einen sagen prompt, wir Menschen sind faul geworden und wollen nicht viel lesen. Die anderen sagen, wir seien einfach nur effizienter geworden und können jetzt Informationen schneller und einfacher verarbeiten.

Fazit:

Das Design einer zeitgemäßen Nutzeroberfläche ist und bleibt alles andere als eine oberflächliche Arbeit.

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Sascha Herbst, Geschäftsführer, Strategie & Beratung

Sascha Herbst

Strategische Beratung & Geschäftsmodelle